Kühne Plakatekunst

35 Jahre lang ist Wolfgang Kerns Handschrift Markenzeichen für die Kantorei der Karlshöhe

Von Gertrud Schubert

Sie singen wieder. Was, das erschließt sich dem Autofahrer oft nicht auf den ersten flüchtigen Blick. Aber dass die Kantorei der Karlshöhe zum Konzert einlädt, das verkünden die Plakate auf dem grünen Mittelstreifen der B27 – und bei weitem nicht nur dort – unübersehbar und einprägsam in der Handschrift von Wolfgang Kern. Jahrzehntelang. Seine Schriftbilder sind Marken- und zugleich Qualitätszeichen für die Kantoreikonzerte. Wieder erkennbar und verlässlich wie die Musik von Bach und die Auftritte des Chors, der sich den großen Oratorien verschrieben hat. An die sechzig Plakate hat der Ludwigsburger Maler und Designer für die Kantorei entworfen. Und beim zweiten oder dritten Vorbeifahren lässt sich auch stets der kühne Schriftzug entziffern: Elias, Verdi, Mozart, Messias, Weihnachtsoratorium…

Mit der h-moll-Messe hat alles angefangen. 1984 war das. Der Chor hatte sich etabliert, war über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Sein musikalischer Kopf, Siegfried Bauer, wollte Qualität und jetzt auch die Werbung professionalisieren. Seit kurzem sang Leni Kern im Sopran. Man kannte sich von der Waldorfschule, war übers Singen hinaus im Gespräch und so kam der erste Auftrag für ein künstlerisch gestaltetes Plakat zustande. Schwungvoll brachte Wolfgang Kern das große M der Messe mit langem gerundeten Unterstrich im zweiten Buchstabenbogen zu Papier. Der Titel stand auf Linie und war gut lesbar. Das Plakat fand Gefallen und ging in Druck. Nur 50 Stück und in einer für Kirchenschaukästen tauglichen, also recht bescheidenen Größe, die Handzettel einfarbig, es durfte ja nicht zu teuer werden.

Ohne es zu ahnen, hatte der Maler mit diesem ersten schwungvollen M das bleibende Charakteristikum für seine Kantoreiplakate geschaffen: das Werk in Handschrift. In Druckbuchstaben erschließt sich alles Weitere: Ort des Geschehens. Datum. Uhrzeit. Das Wann und Wo ist nüchterne Typographie, der Musik aber gehört die Kalligraphie. Und sie wächst sich im Lauf der Jahre immer mehr zum Bild aus. Daher die bald aufkeimende Diskussion um die Lesbarkeit der Kantoreiplakate. Doch da sind sie längst zur Marke geworden, erkennbar in Kerns Handschrift.

Die ist natürlich mitnichten einfach und geschwind auf Papier geworfen. In dicken Bündeln hat  Wolfgang Kern Buchstabenstudien gesammelt, allein das P für ein Psalmenkonzert hunderte Male gepinselt, verworfen, neu probiert. Er liebt das C und seine Offenheit. Es muss sich nicht zum O runden. Kerns C-Gefühl ist, so sagt er,  “ein Stück an der Weltkugel entlang gestrichen” – “man kann ihm Volumen geben”. Auch dem N ist der Künstler wohlgesonnen, es kann sich weiten, als durchschreite man einen Raum.  Als die Kantorei schließlich Händels “Israel in Egypt” singt, verliebt sich Kern regelrecht in den Buchstabenfluss; Ägypten, Egypt, gerät ihm mit den Unterlängen der mittleren Buchstaben zu einer bewegten Landschaft.

Fünf waagerechte Linien. Unschwer als Notenblatt auszumachen. In der Höhe helles Rot, das sich in ein Gelb versteigt. Die tiefen Lagen Blau, der Bass Schwarz. Kerns Bild zum 25-Jahr-Jubiläum der Kantorei geht als Serigraphie unter die Leute und ist auch heute noch in vielen Wohnzimmern anzutreffen, nicht nur in Ludwigsburg. Es eignet sich hervorragend als Gastgeschenk zum Beispiel bei der Konzertreise 2001 auf der Krim.

Jahre darauf muss sich der Künstler mit seinem kalligraphischen Schwung der damals neuen Corporate Identity (CI) der Karlshöhe beugen. Das Erscheinungsbild der diakonischen Einrichtung hat fortan auch auf den Konzertplakaten zu erscheinen, in blauer Farbe, inklusive Logo und dem Strichlein am Originalschriftzug Karlshöhe Ludwigsburg. Die Vorgabe ist streng und zwingt den Plakatkünstler in einen Spagat auf schmalem Raum. So landet der Schriftzug immer wieder in der Diagonalen und entfacht fast zwangsläufig neue Lesbarkeitsdiskussionen. Doch spätestens mit dem letzten Plakat vor der Corona-Zeit sprengt Kern die Fesseln. In der Kirche der Karlshöhe wird das Weihnachtsoratorium aufgeführt. Dieses Mal steht der Name des Komponisten für das Werk. J.S.Bach gehört die Handschrift.  Und über ihr blitzt ein wundervolles gelbes W aus der Nacht in helles Licht. Am Ansatz schnörkelt es ein J wie Johann und endet in einem Stern mit Schweif: dem Stern von Bethlehem.

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